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Neurologie & Psychiatrie

Angst- und Panikstörungen: Diagnose

Phobische Störungen und sonstige Angststörungen (Panikstörung, generalisierte Angststörung)

Definition

Phobische Störungen sind Angststörungen mit „gerichteten“ Ängsten. Die Patienten haben Angst vor bestimmten Situationen oder Dingen. Drei Hauptgruppen werden unterschieden: 1) Agoraphobie, 2) soziale Phobien und 3) spezifische (isolierte) Phobien.

 

Panikstörung und generalisierte Angststörung sind durch „ungerichtete“ Ängste gekennzeichnet, v. a. die Agoraphobie kann auch in Kombination mit der Panikstörung auftreten.

 

Die Patienten leiden unter der übermäßigen Ausprägung der Angst. Vor allem körperliche Beschwerden, die durch die vegetative Angstreaktion entstehen, können das klinische Bild dominieren. Durch das Vermeidungsverhalten entsteht häufig auch eine soziale Beeinträchtigung.

 

Werden diese Störungen nicht rechtzeitig erkannt und therapiert, können weiterführende psychische Störungen entstehen, wie Depressionen oder Substanzabhängigkeiten (vor allem Alkohol- und Tranquilizerabhängigkeit).

Häufigkeit

Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Die Lebenszeitprävalenz beträgt etwa 15-25%, die soziale Phobie und die spezifischen Phobien kommen mit etwa 10% am häufigsten vor. Die generalisierte Angststörung hat in der Allgemeinbevölkerung eine Häufigkeit von etwa 5%. Einzelne Panikattacken sind eine sehr häufige Erfahrung, die Panikstörung selbst mit etwa 3-4% jedoch seltener.

Symptomatik

Bei Angststörungen steht das Erleben von Angst nicht immer im Vordergrund. Eine Vielzahl körperlicher Symptome (somatische Angstäquivalente) kann das klinische Bild beherrschen, z.B.:

 

  • Tachykardie, Palpitationen
  • Enge-, Globusgefühl, Thoraxschmerzen, Beklemmungsgefühl
  • subjektive Atemnot
  • Schwitzen
  • Zittern (fein- oder grobschlägiger Tremor)
  • abdominelle Beschwerden, Übelkeit
  • verminderte Belastbarkeit, Schwächegefühl
  • Hitze-, Kälteschauer
  • Mundtrockenheit
  • Schwindel
  • Schlafstörungen u.a.

 

Psychosoziale Beeinträchtigung entsteht bei Angsterkrankungen durch:

  • "Angst vor der Angst" (Erwartungsangst)
  • Vermeidungsverhalten
  • soziale Isolierung/Rückzug
  • Ausstieg aus dem Berufsleben

Substanzabhängigkeit (Alkohol, Beruhigungsmittel, Schmerzmittel, …) und Depressionen können die Folge von Angststörungen sein. Daher ist es wichtig, die Angststörungen rechtzeitig und angemessen zu therapieren, um sekundäre Schäden zu verhindern.

I. Phobische Störungen

Agoraphobie  (Synonym: Platzangst)

Definition
Ängste, sich an Orten zu befinden, in denen beim plötzlichen Auftreten von peinlichen oder hilflos machenden Symptomen Flucht kaum möglich bzw. Hilfe nicht verfügbar ist.

 

Angst besteht darüber hinaus vor allem in Situationen, in denen sich der Patient außerhalb seiner gewohnten Umgebung aufhält. Die Agoraphobie beginnt meist im dritten Lebensjahrzehnt und betrifft Frauen häufiger. Oft gibt es bereits frühere traumatisierende Erfahrungen. Häufig Komorbidität mit der Panikstörung.

Soziale Phobie  (Synonym: soziale Neurose)

Definition
Angst vor Situationen, in denen man im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Die Angst wird als übertrieben und unvernünftig empfunden, führt aber dennoch zu ausgeprägtem Vermeidungsverhalten. Es wird zwischen einem generalisierten Typus, der viele soziale Situationen betrifft, und einem isolierten Typus, der nur bestimmte soziale Situationen betrifft, unterschieden.

 

Typische angstbesetzte Situationen:

  • soziale Situationen: Essen oder Sprechen in der Öffentlichkeit
  • Teilnahme an kleinen Gruppen, z.B. Partys, Konferenzen
  • bevorstehende öffentliche Auftritte

Typische Symptome bzw. Angst davor:

  • Erröten
  • Zittern
  • Übelkeit
  • Harndrang

 

Häufige Komorbidität mit Missbrauch von abhängigkeitsgefährdenden Substanzen (Alkohol, Tranquilizer) und depressiver Störung.
Die Lebenszeitprävalenz ist bis zu 11%. Nur ein geringer Prozentsatz nimmt therapeutische Hilfe in Anspruch. Beginn meist im Jugendalter, Männer und Frauen sind etwa gleich häufig betroffen. Bei frühem Beginn oft auch mit einem sozialen Kompetenzdefizit verbunden. Wichtig ist eine frühzeitige Therapie, um sozialen Kompetenzdefiziten vorzubeugen!

Spezifische Phobien

Definition
Anhaltende „gerichtete“ Angst vor einem umschriebenen Objekt oder einer umschriebenen Situation.

 

Die spezifischen Phobien können unterteilt werden in verschiedene Typen:

 

  • Tier-Typ (z.B. Spinnen, Hunde, Mäuse, Schlangen, …)
  • Naturgewalten-Typ (z.B. Sturm, Wasser, …)
  • Blut-Injektion-Verletzungs-Typ
  • situativer Typ (Flug-, Höhen-, Tunnelphobie, …)
  • andere Phobien

 

 

Das Alter ist bei Erkrankungsbeginn unterschiedlich. Tierphobien beginnen meist in der Kindheit, andere spezifische Phobien im mittleren Erwachsenenalter.

 

Die Diagnose einer Phobie soll nur dann gestellt werden, wenn Angst und Vermeidungsverhalten soziale Aktivitäten, Tagesablauf oder Beziehungen beeinträchtigen und erhebliches Leiden verursachen

Cave:

Der Blut-Injektion-Verletzungs-Typ kann mit einer Bradykardie und Blutdruckabfall einhergehen und zum Kollaps führen. Dieser Typ tritt oft familiär gehäuft auf. Bei dieser Form der Phobien kommt es zu einer „parasympathischen“ Angstreaktion im Sinne eines Totstell-Reflex-Äquivalents. Im Gegensatz dazu kommt es bei den meisten anderen Angststörungen zu einer Sympathikus-Aktivierung.

 

II. Sonstige Angststörungen

Panikstörung (Synonym: episodische paroxysmale Angst)

Definition
Wiederholte abgrenzbare Panikattacken, die nicht situationsgebunden sind, unerwartet auftreten und mit intensiven vegetativen Symptomen verbunden sind. Die Panikstörung ist häufig mit der Agoraphobie verbunden. Panikattacken dauern 10 bis 30 Minuten, seltener Stunden. Folgen sind Erwartungsangst ("Angst vor der Angst") und sozialer Rückzug.

 

Panikstörungen beginnen meist im jungen Erwachsenenalter. Eine „hohe Stressbelastung“ auf biologischer, psychischer und sozialer Ebene ist häufig in Verbindung mit Panikattacken zu finden. Auf biologischer Ebene können eine hormonelle Dysfunktionen (insbesondere Schilddrüse), Nikotinabhängigkeit (4faches Risiko für Panikattacken), Alkohol oder Koffein das Entstehen einer Panikattacke fördern.
An psychologischen Faktoren können in erster Line Gesundheitsängste genannt werden, die zu häufigerem Auftreten von Panikattacken beitragen können. Auch Partnerkonflikte oder ein vermeidender Konfliktstil können immer wieder bei PatientInnen mit Panikstörung gefunden werden. Soziale Stressfaktoren wie Arbeitsplatzverlust, finanzielle Probleme oder Gerichtsverfahren können ebenfalls dazu beitragen.

Typisch für eine Panikattacke sind die körperlichen Angstsymptome (s. o.), Veränderungen in der Wahrnehmung im Sinne der Derealisation (Gefühl der Unwirklichkeit) und Depersonalisation (Gefühl, neben sich zu stehen), die Angstgedanken („Ich sterbe!“, „Ich habe einen Herzinfarkt“, „Ich verliere die Kontrolle!“, „Ich werde wahnsinnig!“) und die panische Angst.

Bei Panikstörung kommt es zum wiederholten Auftreten von Panikattacken, sodass eine psychosoziale Beeinträchtigung entsteht. Ab einer Frequenz von mindestens einer Panikattacke pro Woche über einen Monat spricht man von mittlerer Schwere einer Panikstörung.

Einzelne Panikattacken können bei verschiedensten organischen und psychischen Störungen auftreten und sind als solche ein unspezifisches psychopathologisches Zeichen.

Generalisierte Angststörung(Synonym: Angstneurose)

Definition
Generalisierte und lang anhaltende Angst, nicht nur auf bestimmte Situationen oder Objekte begrenzt, sondern frei flottierend, mit unrealistischen Befürchtungen, übertriebenen Sorgen, erhöhter Spannung und vegetativer Übererregbarkeit (Hypervigilanz).

 

Die Angststörungen treten oftmals gemeinsam mit depressiven Störungen auf oder sind deren Vorläufer. Vor allem die generalisierte Angststörung hat einen überschneidenden Symptombereich mit Depressionen. Aufgrund der Hypervigilanz treten häufig Schlafstörungen bei der generalisierten Angststörung auf.

 

Typische Einzelsymptome

  • Sorge über zukünftiges Unglück
  • Nervosität
  • Konzentrationsstörungen
  • körperliche Unruhe
  • Schwitzen
  • Tachykardie

 

Differenzialdiagnostisch abzugrenzen sind:

  • schizophrene Psychosen und wahnhafte Störungen
  • depressive Störungen
  • organische Störungen: Delir, organische Angststörung, organisch depressive Störung, Temporallappenanfälle
  • Suchtmittelabhängigkeit: Intoxikation, Entzug
  • posttraumatische Belastungsstörung und Anpassungsstörung (vorausgegangenes Trauma, Lebenskrise)
  • Zwangsstörungen: Angst tritt auf, wenn Zwangsrituale bzw. -impulse nicht ausreichend durchgeführt werden können
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Letztes Update:26 Februar, 2009 - 16:06